Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft

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always complain, always explain

Anna Boldt, Ulf Herold, Jason Hess, Laura Michèle Kniesel, Kira Krüger, Mily Meyer, Max Pospiech, Florin Weber
27. October until 02. December 2023

 

Aufgrund der großen Nachfrage wird die Ausstellung bis zum 2. Dezember verlängert

Anna Boldt, Ulf Herold, Jason Hess, Laura Michèle Kniesel, Kira Krüger, Mily Meyer, Max Pospiech (Studierende der Klasse Eydel), Florin Weber (künstlerischer Mitarbeiter): always complain, always explain

26. Oktober 19 Uhr Eröffnung

Nachdem wir uns in den vergangenen zwölf Monaten im Rahmen des transdisziplinären Projekts Der Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft im Nationalsozialismus ff. vornehmlich mit kunst- und zeitgeschichtlichen Themen auseinandergesetzt und Künstler:innen eingeladen haben, die sich in diesen Feldern – vor allem mit dem Schwerpunkt NS – forschend bewegen, richtet sich der Fokus nun wieder in einem breiteren Sinne auf die Gegenwartskunst. Wir freuen uns, ab Ende Oktober Studierende der Klasse Eydel (Akademie der Bildenden Künste Nürnberg) mit ihrem kollektiven, gleichermaßen recherchebasierten, interventionistischen und partizipativen Ausstellungsprojekt always complain, always explain zu Gast zu haben, in dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichsam überlagern. Vor dem Hintergrund aktueller lokaler, gleichwohl für die 2020er Jahre repräsentativer erinnerungspolitischer, kunstbetrieblicher und städtebaulicher Entwicklungen beschäftigen sie sich mit den Fragen, welche Rolle die Gegenwartskunst in der Gegenwart spielt, welche Funktion ihr innerhalb dieser unterschiedlichen Diskurse zugewiesen wird, welche Möglichkeiten und Räume ihr zur Verfügung stehen, inwieweit Künstler:innen in diese Diskurse eingebunden sind, und wie sie sich, sowohl künstlerisch als auch als Künstler:innen – und im Rahmen der Ausstellung always complain, always explain durchaus in der Tradition institutionskritischer Praktiken des späten 20. Jahrhunderts – intervenierend, informierend, reflektierend und kritisierend in die stadt- und gesamtgesellschaftlichen Debatten einbringen können.

What happened to the Institutional Critique? war der Titel einer Gruppenausstellung, die im Herbst 1993 in der American Fine Arts Gallery in New York stattfand und den Kunstdiskurs der 1990er Jahre nachhaltig beeinflusste. Der Kurator und Kunsthistoriker James Meyer lud junge Künstler:innen wie Tom Burr (*1963), Gregg Bordowitz (*1964) oder Andrea Fraser (*1965) ein, die sich mit den institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Produktion und Rezeption zeitgenössischer Kunst beschäftigten. Damit einher ging sowohl die Befragung der Relevanz institutionskritischer künstlerischer Ansätze wie sie von Künstlern wie Hans Haacke (*1936), Daniel Buren (*1938) oder Michael Asher (*1943) um 1970 praktiziert wurden, als auch – im Zeichen von AIDS-Krise, Neokonservatismus und Finanzkrise – die Abgrenzung vom boomenden, in weiten Teilen von Hedonismus und Ironie geprägten Kunstmarktes der 1980er Jahre.

Die Frage nach dem Stand der Institutionskritik hat im Herbst 2023 – genau 30 Jahre oder eine Generation nach der New Yorker Ausstellung – nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Dieser Befund mag auf den ersten Blick überraschen, scheint doch Kritikalität seit den 2010er Jahren zur Grundausstattung zeitgenössischer Kunstproduktion zu gehören. Und doch zeigt sich auf den zweiten Blick, dass inmitten identitätspolitischer Debatten und höchst virulenter postkolonialer, geschlechterpolitischer, körperpolitischer und umweltpolitischer Diskurse die Institutionen und Institutionalisierungen des Kunst- und Kulturbetriebs selbst – also Fragen nach der finanziellen Ausstattung und den symbolpolitischen Rahmungen der Institutionen, nach dem Zustand des Kunstmarktes und des Kunstdiskurses, nach der Funktionalisierung zeitgenössischer Kunst und ihrer Verfasstheit inmitten einer in der letzten Generation grundlegend veränderten bildpolitischen, vermarktungstechnischen und medientechnologischen Gesamtsituation – trotz, oder gerade aufgrund, der prekären Lage der allermeisten bildenden Künstler:innen eine Art blinden Fleck bilden.

Mit Anna Boldt, Ulf Herold, Jason Hess, Laura Michèle Kniesel, Kira Krüger, Mily Meyer und Max Pospiech nehmen nun sieben, überwiegend in den 1990er Jahren geborene Studierende aus der Klasse Eydel an der hiesigen Akademie der bildenden Künste diesen blinden Fleck unter lokalen Vorzeichen in den Blick. Unter der Leitung des künstlerischen Mitarbeiter Florin Weber, der an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Joachim Brohm und Dr. Ines Schaber studiert hat, beschäftigen sie sich in der kollektiv erarbeiteten, installativ und partizipativ angelegten Ausstellung always complain, always explain vor dem Hintergrund des geplanten Kulturareals Kongresshalle mit Fragen nach der Produktion, der Rezeption und der Rolle zeitgenössischer Kunst in Nürnberg. Dabei sind auch Überlegungen zum Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit, von Zeitgenossenschaft und kunst-, zeit- und stadtgeschichtlichen Aspekten relevant, auch und gerade im Hinblick auf die Geschichte der Akademie der Bildenden Künste und des Kunstvereins.

Die dokumentarische Ausstellung Der Kunstverein Nürnberg – Albrecht Dürer Gesellschaft im Nationalsozialismus ff. veranschaulichte jüngst die enge Verzahnung zwischen der 1940 neu gegründeten Kunstakademie, dem gleichzeitig boomenden Albrecht-Dürer-Verein und den zahlreichen Kunst-am-Bau-Aufträgen für Künstler:innen auf dem Reichsparteitagsgelände und darüber hinaus. Mit Irma Goecke (*1895), Ernst Andreas Rauch (*1901), Otto Michael Schmitt (*1913) und Blasius Spreng (*1913) erhielten Anfang der 1940er Jahre vor allem vergleichsweise junge Professor:innen der Akademie – gleichzeitig allesamt Mitglieder des Kunstvereins – Aufträge für die künstlerische Ausstattung der Kongresshalle, der Sammelhalle, der Standartenhalle und des Führerzimmers. Auch vor diesem Hintergrund stellt sich für die Studierenden der Akademie die Frage, inwieweit die Differenzen zwischen Autonomisierung, Kontextualisierung und Funktionalisierung zeitgenössischer Kunstproduktion jenseits der überholten Binarität zwischen der „Unkunst“ des NS und der per se gegebenen Progressivität zeitgenössischer Kunst zu markieren sind.

Methodisch schließen sie dabei an die institutionskritischen Künstler:innen der ersten Generation an, die ihrerseits eine Generation jünger waren als die zur künstlerischen Ausgestaltung vorgesehenen Professor:innen. Wie in den um 1970 entstandenen Installationen von Hans Haacke, in denen das Publikum über kunstbetriebliche, städtebauliche und politische Zusammenhänge informiert und zur aktiven Teilnahme aufgefordert wurde, spielen auch in always complain, always explain Information und Partizipation neben den eigenen Arbeiten und Kommentaren der Studierenden eine gleichrangige Rolle. Sie agieren damit gleichermaßen als Produzent:innen kritischer Kunst und als kritische Beobachter:innen kunstbetrieblicher Zusammenhänge, vor dem Hintergrund ihrer spezifischen Position als angehende bildende Künstler:innen. Angesichts eines sich rasant verändernden Kunstbetriebs stellt sich für sie, allein schon im Vergleich mit der Generation ihrer Professor:innen, die Frage nach den diskursiven Rahmungen: In welchen Zusammenhänge Kunst im Jahr 2023 – nicht nur, aber auch in Nürnberg – wahrgenommen und behandelt wird; welche vermeintliche Funktion ihr unter gesellschaftlichen, städtebaulichen und erinnerungspolitischen Aspekten zugeschrieben wird und welche Form der Wertschätzung ihr angesichts dessen zukommt, und schließlich, wie Bauvorhaben, die sich als Leuchtturmprojekte für „die Kunst“ im Allgemeinen verstehen, entwickelt, öffentlich diskutiert und konturiert werden.